Das Sächsische Weichbildrecht mit Glosse
‹‹Artikel 58››
Articulus LVIIIa
<Summarium> Ab erbe, gerade ader hergewete los stirbit.
<Textus>
[58] Ab eyn erbe stirbet, do sich nymant czu czuet yn iare vnde yn tage, das geuellet an dy koningliche gewalt.
Glosa
[58] Jr sollet wissen eigintlichen: Mit alle deme gute, do der man mete bestirbit, das heissit alles erbe, <ut> ss li. i ar. v nympt der son eyn wip1 ver. mit welchem gute2. Vnde dis ist gemeiniglich zcu uornemen, wenne worumme den eldern geschit vor we von der wetage des bittern todes, vnde ,erbe‘ heist alzo uil alz ,erwe‘. Ouch heist is alsuil alzo ,her beit, das myne nach mynem tode zcu besiczen‘. Vnde darumme, das dis gemeinlichen by namen benant ist, vnde ist geheissen erbe, ut ff. de verborum significacione l. hereditas3, vnde sturbe denne sollich gut erbelosz, das ist, das do nymant were, der dorczu recht hette, so stirbit is an dy koningliche gewalt.
Glosa. Alzo er do spricht universaliter von dem erbe, das doch enczwey tragende ist, sunderlich mit manichirhande vndirscheit, wenne das wort ,erbe‘ ist eyn terminus universalis, doch zo mag man is wol singulariter nemen, alzo zcu gerade, zcu hergewete, zcu eigen; vnde alz das universaliter gesaczt ist, an wen /B 162v das gesterben moge mit rechte, ab do widir spynnilmage noch swertmage noch nagilmage were, so solde is geuallen an dy koningliche gewalt. Wenne die koningliche gewalt ist nicht alleine zcu uornemen by dem koninge, sunder by alle den, den das swert beuolen ist, domit zcu richten, vnde das recht <czub> stercken vnde das vnrecht zcu krencken, ut xxiii q. v <c.> regum <estc>4. Vnde also denne, das erbe vndirscheiden ist an gerade, an hergewete, an eigen, ut supra, vnde mit dem worte universali ,koningliche gewalt‘ richtere, greuen vnde koninge sien zcu uornemen, wenne worumme richtere vnde grauen haben iren orsprung von deme koninge, darumme sien sy genant ,koningliche gewalt‘, alz ghens eyn ,erbe‘ genant ist. Vnde disse haben gewalt von dem koninge, darumme so geuellet en das billich, das so losz gestirbet.
Jr sollit wissen: Das ist komen von dem Romisschen rechte, ut Institu. de <here.d qued> ab intestato deferuntur § intestatus5. Vnde satczten: Was sollichz dingis, alz gerade vnde hergewete, vorderte der richter vsz dem wirte, do is ynne bestorbin ist, vnde selber dorczu kein recht hatte, adir dem vroneboten solde man is antwerten. Racioe. Vnde dis ist das mynste angeuelle; vnde dis ist des richters, darumme das er witwen vnde weisen vorstehen sal, vnde vorwesen, alz eyn rechter vormunde. Vnde dis ist em gesaczt von des riches gewalt, wenne worumme alle richtere haben gewalt von dem koninge; vnde geuellit is denne an sy, so vellet is an dy koningliche gewalt. Vnde w(er)t en darumme gegeben, das sy dy vronegewalt sollen douon halden: Stocke, galgen, prengere vnde stupen, vnde alle andere sachen, domit man missete<te>re pynigen sal vmme ire vordynte pyn; vnde heist darumme vronegewalt. Wenne von der gewalt wegen so ist dem richtere das zcugeschreben, vnde der richter von /B 163r sines ammechtis wegen hat eynen and(er)n, der das orteil volfurt von des richters wegen, ut xxiii q. v <c.> de occidendis hominibus6. Vnde ouch sal der richter von der gerade vnde von dem hergewete, die em so geantwert w(er)t nach dem driszigisten, arme gevangene lute spisen. Her sal ouch der gemeinen nucz douon beschirmen; er sal ouch toren vnde vnuornu<n>ftige lute, dy nymandis haben, douon irneren vnde halden.
Nota. Vmme disz sollit ir eigintlichin wissin: Gerade vnde hergewete stirbit an den richter. Ander gut, is sy eigen ader erbe, das so erbelos stirbt, vnde vnuorgabet vnde vnuorkomert, das geuellet an den schultheisen, ab is geringer ist, wenne drie hufen wert; jst is abir vnder driszig hufen wert, zo geuellet is an dy graueschaft; jst is aber darobir, so geuellet is an die koningliche gewalt, <ut> ss li. iii ar. lxxiii wo gebuwer7 ver. gestirbit eyn8.
Jr sollet wissin: Was solliches dingis, alzo hergewete vnde gerade, erbeloz stirbit, das sal man dem richtere antwerten ader dem vroneboten, ab er is heisschit, nach dem driszigisten. Das sal der richter halden vnuortan iar vnde tag, vnde sal warten, ab ymant qweme, der recht darczu habe, vnde sich darczu czihe mit rechte selbdritte, alz recht ist. Komit in iare vnde yn tage nymant, zo wendet is der richter in sinen nucz, alz ir vor gehort habt, <ut> ss li. i ar. xxviii was sotanes dingis9. Dis ist zcu uornemen von varnder habe.
Jr sollet wissin, wy eyn guth erbeloz w(er)tf. Elich man nympt vnelichz mannes erbe nicht, <ut> ss li. i ar. xlix js ist mannich man10 ver. elich man11. Dis ist darumme, das der vneliche man des elichin mannes erbe nicht nemen mag, ut C. de legittimis liberis et heredibus l. quociens12. Dis ist zcu uornemen, ab die sturben, vnde gut vnde erbe hindir yn lissen vnuorgabit. /
B 163vNymptg eyns phaffen son eyn wip, vnde direrbeit er gut mit ir, vnde gewynnet er kindere mit ir, das sien eliche kindere. Darumme das em die kindere elich sin, dennoch mogin sy ires vaters guth nicht nemen, wen(ne) der vater ist nicht wirdig, das dy kindere sien erbe nemen. Hat dissir man abir sien gut, sien eigen vnde sien erbe, gegeben sinen kindern vor gehegeter bang vor richter vnde vor schepphen, so nemen sie is mit rechte; vnde was er sinem wibe hat vorgabit vor gehegetem dinge, das behelt sie ouch. Stirbit er abir, vnde lest er die gutere vnbegabet, so trit sien guth in die koningliche gewalt, ut in autt. de incestuosis et nephandis nupciis § sancimus colla. ii13.
Secundo. Ouch stirbet eyn gut <erbloszh>, der dennoch die wol hette, an dy is gesterben mochte, were is nicht von des toden wegen vorworcht, alz ab er des richz vorreter were, <ut> Institu. de here(ditati)bus que ab intestato deferuntur § per contrarium14, <et> ff. ad legem Iuliam maiestatis l. ultima15.
Tercio. Ouch zo <lesti> der sinem gute keinen erbin, do dy erbin das gut nicht nemen wollen, <ut> C. de iure liberandi et adeunda vel acquirenda hereditate l. sanccimus16.
Quarto. Ouch ab eyn todir erben hette, dy das gerne nemen, vnde ouch wol nemen mochten, ab sy wusten, das ghener tot were; komit der yn iare vnde yn tage, deme volget das syne, vnde weres ioch dorobir, ab er bewist, das er nicht gewust habe, das ghener tot sy, ut C. de iuris et facti ignorancia l. errori17. Hette er is aber denne nicht gewust, das <erj> recht zcu deme gute gehabt hette, domete er sich nicht vorswegen, ut C. de iuris et facti ignorancia l. constituciones18. Dis ist ouch zcu uornemen, ab is den icht echte not erret, <ut> ss <li.k> ii ar. vii vir sachen19.
a rubriziertes et cetera folgt B.b so L fol. 92rb; fehlt B.c so L fol. 92va; abbreviiertes et B.d–d so L fol. 92va; here(di)bus qui B.e rubriziertes racio am Rand B.f davor macht unterpunktet B.g rubriziertes Nota valde bene am Rand B.h so L fol. 93ra; fehlt B.i so L fol. 93ra; fehlt B.j so L fol. 93rb; fehlt B.k so L fol. 93rb; fehlt B.
1Ssp.-Landrecht I 5 § 1.
2Richtig: Ssp.-Landrecht I 6 § 1.
3Dig. 50, 16, 24 (richtig: l. nihil est aliud ,hereditas‘).
4C. 23 q. 5 c. 23.
5Inst. 3, 1 pr.
6C. 23 q. 5 c. 8.
7Richtig: Ssp.-Landrecht III 79 § 1.
8Richtig: Ssp.-Landrecht III 80 § 1.
9Ssp.-Landrecht I 28.
10Richtig: Ssp.-Landrecht I 51 § 1.
11Richtig: Ssp.-Landrecht I 51 § 1 letzter Satz.
12Cod. 6, 55, 12.
13Nov. 12, 1.
14Inst. 3, 1, 5.
15Dig. 48, 4, 11.
16Cod. 6, 30, 22 (richtig: l. scimus).
17Cod. 1, 18, 7 (richtig: l. error).
18Cod. 1, 18, 12.
19Ssp.-Landrecht II 7.