Das Sächsische Weichbildrecht mit Glosse
‹‹Artikel 29››
Articulus XXIX
<Summarium> Von gabe, die eyner vorgibt, der er keine gewere hot.
<Textus>
[29] Welch1 man eyn gut dem and(er)n lest in siner gewere, do er selbir keyne gewere ane hot, vnde w(er)t ghener von gerichtis halben doryn gewist, der die gewere hat, der mag die ynwisunge wedersprechen mit rechte, vnde ghenen weder vzwisen; er mus abir dy gewere vorstehn mit rechte zcu dem nehisten dinge; wenne nymant ist /B 114r plichtig, syne gewere zcu rumen, er werde denne dorumme ehr beclait vor gerichte, vnde vzgewisit mit rechten orteiln. Vnde wert sy em denne vorteilt, vnde wist man ghenen doryn gerichtis halben, zo mag man en nymmer vzwisen, man thu is den(ne) mit rechter clage vnde mit rechten <orteilna>b 1.
Glosa
[29] Keyser Otto der grosse, der zo mit grossim vliesze ansach sine demutigen des richis vndertenigen, mit den er ufte manichin strit gewunnen hatte, irkante czweyunge <vndirc> des rechtis wisen, die sich so vmme daz recht der ynwisunge vnde eynes gutis gewere czweiten; vnde gab disse saczunge vor eyn recht.
Disse2 sache, do disse satczunge vmbe gesatczt wart: Wenne ir eyn teil sprachen: Hette eyner eyne lipliche besiczunge an eynem gute, der were mit siner besiczunged nehir do by zcu bliben, wenne der man, der gerichtis halben daryn gewist wurde. Das wedirsprachen eczliche: Hette der richter mit orteilen vnde mit rechte eyne(n) zcu eynem gute gewist, alz recht ist, der hette bessir recht darczu, wen der, der daz gut in gewelden vnde in geweren hatte.
Disse3 czweitracht wurden geczogen vor den keiser, das er sy vndirwiste, wer an dem gute besser recht hette. Do sprach der keiser vor eyn recht, vnde spricht: Wer eyn gut in gewelden vnde yn geweren hot, der ist billichir vnde nehr by der gewere zcu blibin, wen(ne) der von gerichtis halben doryn gewist wurde. Glichir wise: P. hette eyn husz in liplichir besiczunge vnde yn gewelden vnde yn gewere, wisete der richter N. in die gewere, darumb /B 114v darff P. nicht wichen. Were abir N. in die gewere mit orteil vnde mit rechte gewist, vnde queme P. dornach, P. mag den N. nicht vswisen mit rechte, ab er wol mit vnrechte doryn komen were, <ut> ss li. ii ar. xxiiii man sal nymande4 ver. dorumme mag5, <et> ff. ne vis fiat ei qui in possessionem missus est l. i6. Wen wer icht hot, der behelt is billich, so lange das man is em mit orteil vnde mit rechte angewynt, <ut> ff. uti possidetis l. pretor7, <et> C. e. t. l. i8.
Eynes9 gutis besitczunge irkrige<n> wir drierley wise. Vnderwindit sich eyner gutis mit besiczunge sunder recht, der vor kein recht zcu hatte. Were daz gut vor nymandis gewest, alz ab is wilde were, so weres billich des, der is erst begrift, ut Institu. de rerum divisione § insula10, <et> ff. de acquirendo rerum dominio l. quid enim11.
Ouch12 so komit is so zcu, das eyne(m) eyn gut an irstirbit. Das gut gewint er in geweren, vnde besiczit is, alleine komit er mit orteiln noch mit rechte nicht doryn. Vnde solliche besiczunge komit zcu von des rechtis saczunge, ut Institu. de heredi<tati>bus que ab intestato deferuntur § intestatoris autem hereditas13, <et> Institu. de heredum qualitate et differencia § sin autem14, <et> in autt. de heredibus ab intestato venientibus § si vero colla. ix15.
Tercio16 so gibit man ouch eynem gut, vnde vorreicht man em daz, do is craft hat, vnde brengit er daz in sine gewere ane menliche widirsprache, <ut> ss li. ii ar. xxiii man sal nymande17 ver. iczlich man mag18, <et> Institu. de rerum divisione19. Also denne uil lute vorgeben, das ir nicht en ist, dorumme spricht er hie: Were dem and(er)n eyne gewere lest, so er selber keine gewere an hot, der mag an der gabe noch an der vorreichunge kein besser recht geweren, wenne alzo er selber darane hatte, <ut> ff. de acquirendo rerum dominio l. tradicionem20, <et> C. de distraccione pignorum l. si debitor21, <et> C. sine consensu reli. fundum comparare non posse l. ii22. /B 115r Hette eyner denne keine gewere doran, alz an eynem gute, so mag er keime eyne gewere dorane laszin. Lisse er sy abir zcu vnrechte, das mag der mit rechte widirsprechen, des die gewere mit rechte ist.
Vnde23 darumme so steit hir: Der die gewere hat, mag dy inwisunge wedirsprechin. Wenne worumme er mag is weren mit der hant, das er yn sine gewere nicht en kome. Jr sollit wissin: Wer so eyn gut in geweren hat, vnde sich wider des richters inwisunge setczin wil, der sal vor em haben drye redeliche stucke, do mete er sich weren moge. Primo. Er sal erblich in deme gute sien. Secundo so sal er zcu der ynwisunge zcu rechte nicht vorboth sien von gerichtis halben, <ut> ss li. ii ar. xxiiii man sal nymande24, <et> ff. ne vis fiat ei qui in possessionem missus est l. i § hoc accio25, <et> ff. de re iudicata l. admonicionem26. Tercio. Er sal ouch nicht kegenwertig sien gewest, do man das gut vorreichte, vnde do dy ynwisunge geschach. Wenne wer eyn orteil der ynwisunge hort, ader eyne vorreichunge geschit, der sal sie zcu hant wederreden vnde widersprechen, <ut> ss li. ii ar. vi wer sine rechte busse27 ver. weliche gabe28. Wenne wer do swiget, der volbort, <ut> jn autt. de episcopis et clericis § si servus colla. ix29, <et> ff. ad municipales l. quociens30.
Her mus abir dy gewere vorsteen mit rechte et cetera. Das ist, das er gestehe zcu rechten tedingen, vnde spreche: "Gut habe ich yn gewelden vnde yn geweren, ist dor ymant, der doruff zcu tedingen hat, das wil ich vortreten mit allem rechte", ut ff. uti possidetis l. pretor ait § interdum31. Dis tut er zcu dren dingtagen. Kommit zcu dem letczten tage nymant, der en hind(er)n moge, so spricht em der richter die gewere zcu mit allem rechte; wen /B 115v <manf> mag em denne der gewere nicht angewynnen, wen mit rechter clageg.
a so L fol. 65rb; orteile B.b et cetera folgt B.c so L fol. 65va; vnde B.d folgendes an eynem gute d unterpunktet B.e -r- mit Einfügungszeichen über der Zeile B.f so L fol. 66rb; fehlt B.g et cetera folgt B.
1–1Vgl. Ssp.-Landrecht III 82 § 2.
2Zum Absatz vgl. Glosse zu Ssp.-Landrecht III 75 (III 82 § 2) (BG S. 1493 Z. 5–11).
3Zum Absatz vgl. Glosse zu Ssp.-Landrecht III 75 (III 82 § 2) (BG S. 1493 Z. 12–22).
4Ssp.-Landrecht II 24 § 1.
5Ssp.-Landrecht II 24 § 2 zweiter Satz.
6Dig. 43, 4, 1.
7Dig. 43, 17, 1 (richtig: l. ait praetor).
8Cod. 8, 6, 1 l. un.
9Zum Absatz vgl. Glosse zu Ssp.-Landrecht III 75 (III 82 § 2) (BG S. 1493 Z. 23–29).
10Inst. 2, 1, 22.
11Dig. 41, 1, 3 (richtig: l. quod enim).
12Zum Absatz vgl. Glosse zu Ssp.-Landrecht III 75 (III 82 § 2) (BG S. 1494 Z. 1–6).
13Inst. 3, 1, 1 (richtig: § intestatorum autem hereditates).
14Inst. 2, 19, 2 (richtig: § sui autem).
15Nov. 118, 2 vierter Satz.
16Zum Absatz vgl. Glosse zu Ssp.-Landrecht III 75 (III 82 § 2) (BG S. 1494 Z. 7–17).
17Richtig: Ssp.-Landrecht II 24 § 1.
18Richtig: Ssp.-Landrecht II 24 § 2.
19Inst. 2, 1. – BG allegiert Inst. 2, 1, 40 (§ per traditionem).
20Dig. 41, 1, 20 (richtig: l. traditio).
21Cod. 8, 27, 12.
22Cod. 4, 47, 2.
23Zum Absatz vgl. Glosse zu Ssp.-Landrecht III 75 (III 82 § 2) (BG S. 1494 Z. 18 – S. 1495 Z. 3).
24Ssp.-Landrecht II 24 § 1.
25Dig. 43, 4, 1, 3 (richtig: ... § haec actio).
26Dig. 42, 1. Keine l. admonitionem vorhanden.
27Ssp.-Landrecht II 6 § 1.
28Ssp.-Landrecht II 6 § 4.
29Nov. 123, 17.
30Dig. 50, 1, 2.
31Dig. 43, 17, 1, 6 (richtig: l. ait praetor § interdictum).