Das Sächsische Weichbildrecht mit Glosse
‹‹Artikel 27››
Articulus XXVII
<Summarium> Von gerichte.
<Textus>
[27 § 1] Horet, wy man eynen man bestetigen sal zcu wichbilde, der beclait wirt vmme vngerichte, do man hanthaftige tat nicht bewisen kan. Den sal man vorbrengen vor die vier bencke uff den stul, do man phlegit zcu richten, vnde sal em kundigen vmme die sache, darumme man <ena> uffgehalden hot. Do sal der richter gheinwertig sien, ader der vronebote.
[27 § 2] Jst die sache alzo gewant, daz is em an den lip geth, ader an sinen gesund, er mus burgen setczin vor sien gesaczt wergelt; hot er der nicht, der richter sal en selbir behalden.
[27 § 3] Jst ab(ir) dy sache vmme schult, die der man selbir bekent, vnde hot der man erbe in dem wichbilde, daz besser ist denne die schult, er mag sich wol doby <uszb> borgen zcu rechten tedingen.
[27 § 4] Hot er aber erbis nicht, /B 108v man <antwortc> en gheme by der hant. Jst <erd> eyn gast, dem er geantwert w(er)t, er sal en mit em furen, ab er en nicht behalden mag yn wichbilde; er mus abir burgen seczin, daz er en vnuorterbet an sinem libe vnde an syme gesunde lasze, ader weder antwerte; hot er des borgen nicht, er sal en laszin in dem wichbilde yn des richters huze. Mit eynem vessere mag <ere> en wol vorspannen; anders sal er em keine pyne anlegen, wen(ne) er sich mit willen in daz gefenckenis geantwert hot, vnde er sal en halden mit koste vnde mit erbeit glich sinem gesinde, wenne er dip noch dibes genosz ny gewart.
Glosa
Nv habit ir gehort von den vorstendern vnmundigerf kindere.
[27 § 1] Nu wil er vns hie vnderwisen, wie man clage angestellen mag; vnde begriffit hie kurczlichen czweierley syn: Sunderlich der eyne ist pynlich, vnde der andere borglich. Vnde spricht zcu ersten von der pynlichen alzo: Horet, wy man bestetigen sal eynen man et cetera.
Nota. Die1 hanthaftige tat ist solliche geschichte, das als iczunt geschen were, vnde zcu hant geclaget w(er)t. Solliche sache sal man ouch zcu hant richten, daz ist, man sal den misseteter zcu hant obirwinden, <ut> ss li. i ar. lxvi wen man mit hanthaftiger tat2. Dorumme sal man en nicht zcu borgin geben, noch zcu borgen bieten, <ut> C. de custodia reorum l. in quacumque3.
Do spricht das recht: Jn welchir sachen /B 109r der hanthaftige misseteter begriffen w(er)t, do sal zcu hant eyn cleger sien, is treiffe denne zcu des richters sorgfeldigkeit, das ist, der richter sal irkennen, ab er vnbeclaget dorffe richten. Daz komit von den Romern uff; wenne die hatten richtere, die do phlegelichin musten richten, vnde waren pretores genant; vnde den antwerte man die missetetere. Die musten irkennen, ab der misseteter pyn werdigg waz, ader nicht. Hatte er nicht hanthaftiger tat, so volget er der wise Torquinii Superbi; des wise waz alzo, die wile er rengnirte: Wenne man em eynen misseteter antwerte, den czoch er uff, vnde marterte en, vmme daz das er melden solde, ab er icht gesellen hette. Der Torquin<i>us irdachte aller erst galgen vnde allerley martere. Vnde darumme spreche<n> wir, is treffe zcu des richters sorgfeldigkeit, wenne is sien vil sachen, die deme richtere beuolen sien zcu richtene, ab wol kein clegir were, ab ouch wol keine bewisunge were. Were abir do bewisunge, alzo hanthaftige tat, so sal er den gefangen brengen vor gerichte mit der bewisunge, do mete er en obirwinden wil, ut ff. de furtis l. furtum manifestum4, et l. si igitur5, <et> ss li. i ar. lxvi wen man mit hanthaftigir tat6.
Mit dissem articulo wil er vns vndirwisen, wie sich eyn iczlichir cleger halden sal, vnde spricht: Er sal en brengen vor den stul, do man zcu richtene phleget; vnde meint domete, das kein man sien selbist richter sien sal. Wenne vunde eyner des sinen icht, daz em genomen were, er sal is nicht wedernemen, sunder mag er en uffhalden, so sal er en brengen vor gerichte vnde mit hanthaftigir tat, alz er en obirwynden wil, <ut> ss li. ii ar. xliiii wip ader mait7.
[27 § 2] Nota. Ist abir die sache alzo gewant et cetera. Jr sollet wissin: Ab is keine hanthaftige tat were, /B 109v als ab die sache obirnachtit were, ader der richtir nicht ynheimisch were, <ut> ss li. i ar. lxx welch man8 <ver.h> jst abir der richter9, vnde gynge die clage an das gesunt, das ist, ab daz vngerichte an die hant ghinge, alz ab is vmme eyne wunde were, die an das hochste recht ghinge, ader eyne kamphbare wunde were, <ut> ss li. ii ar. xvi die gewere10, so mus er dis vorborgen, ab die clage mit orteiln gefrist w(er)t, <ut> ss li. i ar. lxi wo der man recht vordert11 ver. kein clegir12. Darumme mus der cleger burgin seczin, das er sine clage voluordere; vnde der antwerter sal burgen setczin, zcu der antwert zcu komene. Wenne man die clage frist bis an den and(er)n tag mit rechten orteiln, so mus er burgen setczen, nach dem alzo er beclaget waz.
Claget man em nach der hant, er mus burgen setczin vor eyn halb wergelt, vnde ist darumme, das in vnserm rechte solliche sache gesaczt ist, ut ff. de exhibicione et <custodiai> reorum l. si quis13. Vnde dis ist darumme, das dy sache vornacht ist; anders sal man nicht zcu borge thun, <ut> C. de exhibendis et introducendis reis l. nullus14, <et> ff. de custodia reorum l. si quis reum15. Hat er abir keinen burgin, so sal en die vronegewalt behalden, <ut> ss li. i ar. lvi wo der man recht16 ver. wer do kein burge17. Jr sollet wissin: Wurde zo eyn man yn die vronegewalt geantwert, er were cleger ader antwerter, daz schat em zcu sinem rechten nicht, noch an sinen eren, <ut> C. quibus ex causis alicui infamia irrogatur l. infamie18. Wenne sollich beheltenisz ist irloubit von des rechtis volbort, <ut> C. de custodia reorum l. de hiis quos19, <et> C. de privatis carceribus l. i20.
[27 § 3] Jst abir die sache vmme schult, die eyn man bekant hat. Alzo hie gesprochen ist von pynlichir clage, wy man dy vorburgen sal. Nu wil er hie setczen von burglichir clage. Daz sollit ir eigintlichen mercken, das burgeczog etczwas sine nature entphet von gerichte; also, ab man eynen /B 110r burgen vor czukunfftigen schaden seczen muste, ut ff. de dampno infecto l. dies caucionis21. Vnde dis ist von des richters gebot. Das andere burgeczog, das ouch in gerichte geschit, das ist, daz eyner gelabit, zcu rechte zcu stehen, ut ff. rem ratam haberi l. dies caucionis22. Vnde solch burgeczog rurit er hir. Vnde ist czwierley, burglich vnde pynlich.
Pynliche borgeschaft lost man mit dem, das der beclaget waz, den er us borgete; vnde ist eyn wergelt, vnde das sien achtczen phunt. Vnde das ist dorumme gesaczt, das sich der burge der clage mit dem gelde weret, ut C. de fideiussoribus mandatoribus et solucionibus l. sanccimus23.
Daz burcgliche burgeczog komit uffte hocher, vnde darumme kommit eyner lichtiglichir von dem burgeczoge, das yn pynlicher clage geschit, wenne in burglicher clage. Wie hoch eyner vor den and(er)n gelabit, das ist er gheme phlichtig zcu gelden. Hot er abir des burgen nicht, vnde ist in dem gerichte nicht besessin, so sal en behalden die vronegewalt, <ut> ss li. ii ar. v wer eygens alzo uil hot24. Wen worumme wer sich by synem eigen vzborgen mag, der vorwist eyne sache baz, wen der do burgen setczte, ut ff. de regulis iuris l. plus caucionis25. Vnde dis liet an deme richtere vnde an den schepphen; dy sollen wegen, ab eyner gesessin ist, das ist, ab er zo uil eygens hat, das vnuorschreben vnde vnuorphendet ist, das dis wergeldis wert ist, ader bessir denne die schult ist. Doch sunderlich, do dem vorderere an genuget, do sal dem richtere ouch an genugen. Wenne abir dem vorderer nicht genuget, als der antwerter sine besessinheit berurte, so muste der antwerter sine besessinheit bewisen. Alzo denne die bewisunge geschen ist, zcu dem selbien dinge sollen die schepphen irkennen, ab er besessin ist ader nicht. Jst er besessin, so darff er des /B 110v burgen nicht. Jst er abir nicht besessin, so mus er burgen setczen. Hot er der burgen nicht, vnde ist die sache pynlich, so behelt en die vronegewalt, <ut> C. de custodia reorum l. si quis26. Jst abir die sache vmme schult, die er bekennet, vnde hat er nicht burgen, vnde ist ouch nicht besessin, so antwert man en gheme by der hant.
<Wemej> man icht schuldig ist, <derk> mag sines geldis warten, ader vorsehen; wenne er mus clagen uff den schuldiger, <ut> jn autt. de fideiussoribus mandatoribus et solucionibus § quod autem colla. i27. Wenne er denne so den schuldiger beclaget, vnde ghenner bekennet, vnde <hatl> er denne varnde guth, do wist man den cleger zcu, alz zcu synem phande, <ut> ss li. i ar. lxx welch man28, <et> jn autt. de fideiussoribus mandatoribus et solucionibus § quod autem colla. i29.
[27 § 4] Hette30 aber der antwerter der varnde habe nicht, man wist den vorderer zcu des antwerters eigen, ab er is hot; vnde das mus er nemen nach des richters vnde der schepphen schatczunge. Des mag er sich nicht weg(er)n, ut ff. de legatis l. si quis § qui confitetur31, et ff. de re iudicata l. miles32, <et> jn autt. de alienacione et empheteosi locato § si vero colla. i33, <et> ff. de rei vendicacione l. qui restituere34. Wenne worumme eyn man mus sich domete lassen abewisen.
Hat er aber wider eigen noch burgen, so antwert en der richter gheme by der hant vor sine schult. Alleine das wol uil recht wider disz rechtm sien, das man keinen durch schult wille in gefenckenisze brengen sal, <ut> C. de hiis qui bonis cedere possunt l. i35, <et> jn autt. de fideiussoribus mandatoribus et solucionibus § quod autem colla. i36.
Jr sollet abir disz vornemen, alz der text spricht von der schult, die er louckent; wenne wolde er douor sweren, so wurde er mit sinem eyde losz, alz verre alz er mit richtern vnde schepphen nicht obirwunden w(er)t. Vnde ouch hette der antwerter eigen, /B 111r erbe, ader ander varnde habe, ader ioch sunderliche lehn, des solde er entwichen. Dorumme das er des nicht hot, dorumbe wil ghener sines geldis nicht entperen, dorumme vnderwindit er sich sien noch orteil vnde nach rechte. Were is abir sache, das der antwerter mit sinem eyde gelobete, ab em got ymmer icht bescherte obir sines libis notdorft, daz er deme vorderer gebenn wolle, was er gehabin mochte, vnde vorborgete em daz, so bedarff man en em nicht mit der hant antwerten, <ut> Institu. de accionibus § cum eo quoque37. Ouch antwert man eynen uffte yn die hant des clegers, das er lichte das sine vorgenglichen ader trogenlichin zcubracht hat, vnde der lichte nicht gelden wolde.
Vnde sich denne der antwerter williglichin in daz gefenckenisz antwert, dorumme sal er en gliche halden mit der spyse vnde mit erbeit synem gesinde. Wil er en abir weg furen vsz dem gerichte, das ist, vz des richters huze, so mus er burgen setczen sinem wibe vnde sinen kindern, das er en vnuorseret weder antwerten sal. Hette aber der sien gut troginlichen zcubrocht, zo mochte der vorderer den schuldiger spannen mit eynem vessere; das sal em nicht schaden an sinem libe, <ut> ff. qui in fraudem creditorum l. <sio>38. Vnde sollich gefenckenisz sal eyn ende nemen.
Daz er spricht: Vnde mit erbeit et cetera, do meint er, das er em darumme dynen sal. Vnde man sal sien dinst schatczin vnde an dem gelde abeslan. Darumme sal man keinen vmme gelt ewiglichen gevangen halden, <ut> C. qui bonis cedere possunt39.
Jr sollit wissin: Wurde eyn man schuldig durch woltat willen, alz ab er ymande icht von gute gelabit hette, den mag man durch des gelobdes willen nicht hochir czihn, wen er vormag, <ut> ff. de donacionibus l. qui ex donacione40, <et> ff. de regulis iuris l. donatorp 41.
a so L fol. 62rb; fehlt B.b so L fol. 62rb; ist B.c so L fol. 62rb; antwerten B.d so L fol. 62rb; fehlt B.e so L fol. 62va; fehlt B.f über -r überflüssige Abkürzung für er B.g davor wirdig unterpunktet B.h so L fol. 63ra; ubi B.i custudia B.j so L fol. 63va; Wenne B.k so L fol. 63va; adir B.l so L fol. 63va; fehlt B.m davor si durchgestrichen B.n folgendes solle unterpunktet B.o so L fol. 63vb; fehlt B.p et cetera ar. xxviii / folgt B.
1Zum Absatz vgl. Glosse zu Ssp.-Landrecht I 65 (I 66 § 1) (BG S. 472 Z. 2–7).
2Ssp.-Landrecht I 66 § 1.
3Cod. 9, 4, 1 pr.
4Dig. 47, 2, 3 (richtig: l. fur est manifestus).
5Dig. 47, 2, 5 (richtig: l. sive igitur).
6Ssp.-Landrecht I 66 § 1.
7Richtig: Ssp.-Landrecht II 64 § 1.
8Ssp.-Landrecht I 70 § 1.
9Ssp.-Landrecht I 70 § 3 zweiter Satz.
10Ssp.-Landrecht II 16 § 1.
11Richtig: Ssp.-Landrecht I 60 § 3.
12Ssp.-Landrecht I 61 § 1.
13Dig. 48, 3, 4.
14Cod. 9, 3, 2.
15Dig. 48, 3, 4.
16Richtig: Ssp.-Landrecht I 60 § 3.
17Richtig: Ssp.-Landrecht I 61 § 1 zweiter Satz.
18Cod. 2, 11, 1.
19Cod. 9, 4, 5.
20Cod. 9, 5, 1.
21Dig. 39, 2, 4 (richtig: l. dies cautioni).
22Dem Titel nach Dig. 46, 8. – Aber keine l. dies caucionis vorhanden.
23Cod. 8, 40, 26.
24Ssp.-Landrecht II 5 § 1.
25Dig. 50, 17, 25.
26Cod. 9, 4, 2.
27Nov. 4, 3.
28Ssp.-Landrecht I 70 § 1.
29Nov. 4, 3.
30Zum Absatz vgl. Glosse zu Ssp.-Landrecht III 9 (III 9 § 1) (BG S. 983 Z. 10 – S. 984 Z. 6) und Glosse zu Ssp.-Landrecht III 37 (III 39 § 1) (BG S. 1163 Z. 4 – S. 1164 Z. 3).
31Dig. 30, 71, 3 (richtig: l. si domus ...).
32Dig. 42, 1, 6.
33Nov. 120, 6, 2 vorletzter Satz.
34Dig. 6, 1, 68.
35Cod. 7, 71, 1.
36Nov. 4, 3.
37Inst. 4, 6, 40 (richtig: § eum quoque).
38Dig. 42, 8, 25.
39Cod. 7, 71.
40Dig. 39, 5, 12.
41Dig. 50, 17, 28 (richtig: l. divus Pius).