Artikel 20
Articulus XX
<Summarium> Von eygen, wy man das vorgebin moge zcu wichbilde rechte.
<Textus>
[20 § 1] Sal eyn man sin eigen vorgeben in wichbilde nach rechte, do sal yener, der sien
eigen vorgeben wil, vnde ouch ghener, der is entphaen wil, komen yn eyn geheget ding
vor die vier bencke. Zo bitte ghener, der daz eigen wil vorgeben, eynes vorsprechen,
vnde frage mit orteiln, wie er sien eigin vorgeben solle, daz is em helfende were
zcu sinem rechte. <Soa fyndt man czu rechtea:> Mit erben gelobde, ab is em vnuorgeben ist; hot er aber daz erbe gekouft vmme sine
pheninge, so mag er is geben, weme er wil, an ymandis wedersprache. Wenne er is denne
vorgeben hot, vnde ghener is entphangen hat, so frage er mit orteiln, ab is em alzo
gegebin ist, alz is em hulflich sy an sinem rechte. Wenne em daz gefunden wirt, so
bitte /B 74r er mit orteil der ynwisunge von rechtis halben; zo sal en der richter ader der schultis
ynwisen, ader der, von deme dy gabe gegeben ist, vnde die schepphen sollen mit em
ghen, die do keinwertig warn, daz sy geczug sien, daz is em gegeben sy czu allem rechte.
[20 § 2] So wist man <enb> yn, alz ich uch sagen wil. Der richter sal yn daz huz gheen, ader uff dy houestat,
ab do kein huz ist, vnde ghene sollen douor stehn. Zo neme der richter yhenen by der
hant, vnde leite en vor die schephenc yn das eigin, vnde spreche disze wort: "Dy gabe, die dir gegeben ist vor gerichte,
do wyse ich dich yn, alz mir daz orteil geteilt hat, vnde secze des die schepphen
zcu geczuge vnde die dinglute, daz ich dich hie yngewisit habe, alzo recht ist."
[20 § 3] Zo trete er vor die vir bencke, vnde bitte den richter, daz er sien geczeug sy durch
recht. Daz mus der richter thun by dem eyde, den er zcu deme gerichte gesworen hat.
Zo gebe ghener /B 74v sinen wissin phening dem richtere vnde den schepphen; zo ist er volkomen an dem rechte.
[20 § 4] Glicher wise, alz der richter vor geczuget, so sollen die schepphen nach geczugen.
Glosa
[20 § 1] Nv wil vns der meister disses gheinwertigen privilegii vnderwisen, wie eyn man recht
vnde redelich des sinen gelosen sal. Vnde dis recht vnde der nehiste articulus kommit
vsz Romischem rechte. Jr beghinnen aber ist komen von der kor, vnde ist geuolbort
mit den Romern.
Nu wil er hie angriffen das andere stucke des gewilkorten rechtis, vnde spricht: Sal eyn man sien eigen vorgeben, der sal komen vor die vir bencke et cetera, daz is vor eyn geheget ding. Jrd sollet wissen: Eyn man mag drierley wise sines gutis enige werden1.
Czum2 ersten male, ab er is vorkouft, ut ff. de empcionibus l. quicumque3. Vff daz habit disse regele: Vorkewfft eyn man eyn ding vmme eyn genant gelt, vordert
der kouffer daz ding, so w(er)t das eyn redelich kouff; vorder<t> er aber nicht, vnde
lest dem vorkowffere das sine, er gewert en mit dem sinen, so verre ab er is nicht
annamet, ut Institu. de empcione et vendicione § precium autem constitui oportet4.
Czum5 andern male so w(er)t eyn man des sinen losz, ab er vorseczte. Vnde dis czweiet sich
nicht sere mit dem vorkouffen, wenne dis mag man weder losen, <desf mag man des and(er)nf> nicht gethun, ut C. de pingnoribus et creditoribus6.
Jr sollit wissin: Seczit eyn man eyn gut zcu phande, is sy varnde ader vnvarnde, wy
lange is der yn gewere<n> hat, so kan er is doch do mete nicht zcu eigin irkrigen,
sunder er mus gheme sien phant zcu losyn gebin, <ut> C. quibus modis pingnus tacite
contrahitur /B 75r per totum7.
Czum dritten male: Ader ab er is ufflest. Jr sollit wissin: Daz uffgebin mus geschen
vor gerichte, vnde douon spricht er hie, vnde mus ouch geschen mit der erbin orloub, <ut> ss li. i ar. lii ane erbin orloub vnde ane geheget ding mag kein man sien eigen vorgebin8.
Contra. Wedir dis ist daz recht, das do steit ss li. i ar. xxxv ane des richters orloub mag eyn man sin eigen vorgeben9. Mag er denne daz vorgebin ane des richters orloub, was darff er denne des gehegeten
dingis dorczu? Wenne die gabe ader <derg> kouff <wandilth> nicht daz gut, sunder is wandilt die herschaft, ut Instituta de rerum divisione
§ per tradicionem10. Wenne hette ich eyne(m) eyn huz vorkouft, ich rumete is em, vnde er czoge doryn,
daz husz blebe ymmer sien, vnde worczu durfte man is denne vor dem richtere ufflaszin
ader vorreichen?
Solucio. Jr11 sollit wissin virley nucz an eynes gutis vorreichunge. Czum ersten male so ist is
eyne bestetigunge des kouffes, ut Instituta de rerum divisione § per tradicionem12. Secundo. Ouch so ist die vorreichunge dorczu gut, ab daz gut czinshaftig were, daz
is wissintlichen sy, daz man uff deme vorkouffere des czinses nicht dorffe warten.
Vnde sunderlichen mehr: Were vorsessener czinsz uff dem gute, vnde hette denne disser
das gut vorkouft mit allen rechten, alz er is hatte, vnde is ghenner also entphangen
hatte vor gehegeter bang, er muste den czins selber legen, dem is vorreicht wart,
ut C. de agricolis et censitis l. iii13. Tercio so ist is ouch dorczu gut: Wenne is der vorkouffir vorreicht, spreiche man
daz gut dornach an, vnde sulde sich der kouffir an sinen geweren czihn, so mochte
er der gewere des kouffers nicht geloucken, <ut> ss li. i ar. vii was der man14, et e. li. ar. xviii drierhande recht15 ver. das andere16, <et> Institu. de contrahenda empcione et vendicione <l.i> i17. /B 75v Quarto so ist <isj> ouch darczu gut, daz er des gutis eyne redeliche besiczunge habe, vnde <hilfftk> em zcu siner gewere, ut Institu. de usucapcione et longi temporis prescripcione
§ iure civili18.
Nota practicam. Also hie gesprochin ist ,sal man sien eigin vorgeben‘, das ist vorreichen, vnde vornemet das wort ,sal‘, das ist zcu uornemen: Ab eyn man mit orteil vnde mit rechte dorczu getwungen werde,
daz er is vorreichin muste, als ab is eyn man vorkouft hette, ader wie is in sollicher
geschicht were, der kome vor eyn geheget ding mit sinem vorsprechen vnde mit yeme,
der die gabe entphan sal, vnde sal em eynen vorsprechen mit dissin worten irkrigen:
"Herre er richter, gunnet ir mir eyns mannes, der mir myn wort spreche, vnde bitte
yn eynem rechten zcu irfaren, ab ir en mir icht zcu rechte geben sollit." So spreche
der richter czu eynem schepphen: "N., ich frage uch darumme." Do spricht der schepphe:
"Ir gebit en em billich", <ut> ss li. i ar. lx ane vorsprechen19 ver. der richter20. So spricht der richter: "Also mir daz recht vnde orteil gefunden hat, so habit ir
en billich." So bitte disser vnde spreche: "Ich bitte vmme eynen N.", vnde nenne en
mit sinem namen. So spreche der richter: "N., sprich sien wort." Wenne em der vorspreche
irloubt w(er)t, so kome der vorspreche an sien wort mit sollichin worten, ader den
glich, vnde spreche: "Herre er richter, ghunnet ir mir, daz ich N. wort rede?" So
spricht der richter: "Ich gan dirs wol." So spreche der vorspreche: "Herre er richter,
ich dinge N. syn vnde mir myn recht uff alles, daz recht ist, ich benenne is, ader
benenne is nicht, vnde bitte yn eynem rechten zcu irfaren, ab er is icht zcu rechte
haben sal mit sinem vorsprechen, glichir wisz, ab ichz <benentel> von worte zcu worte von rechtis wegen, ader waz darumme recht sy." So spricht der
richter zcu eynem schepphen: "N., siet /B 76r darumme gefraget." So spricht der schepphe: "Waz er dingit, dazm behelt er billich." Alz er denne an sien wort komen ist, so gehe er mit dem gebere
an sien gespreche mit des richters loube, ut ss li. i ar. lxii vmme blos geruchte21 ver. beide clegere vnde uff den et cetera22. Also er denne yn komit mit deme gebere, so spreche disser: "Seius hot eyn eygen
vnde eyn erbe v(or)kouft, das er vmme seyne wol gewunnen guth gekoufft hette, daz
wil er vorrechten Gayo, der is wedir en recht vnde redelich gekouft hot in sinen rechten,
reynen vnde greniczin, als is en ankomen ist; vnde bitte yn eynem rechten orteil zcu
irfaren, ab ir en in sollicher craft ader macht sehet, also alz er selber czu dinge,
zcu ringe, czu kirchen, czu wegen vnde czu stegen ghen mag ane menliche hulffe, das
er das selbie gut geben moge, wemen er wolle, daz is gheme hulfflich sy czu sinem rechte?" So sal man em vynden zcu rechte:
"Bewist er sine macht vnde kraft, alzo recht ist, er genust is billich." So vrage
der vorspreche: "Jch bitte yn eynem rechten zcu irfaren, wy er is bewisen solle?"
So vint man em: "Nach siner gebort." So spricht er vort: "Nach demmale daz er eyn
rittermeszig man ist, so bitte ich in eynem rechten ortil zcu irfaren, wie er sine
macht bewisen solle?" So vint man em zcu rechte: "Ist er so mechtig, daz er von eynem
steine ader stocke, der eyner elen hoch ist, uff eyn phert komen moge ane mannes hulffe,
daz man em daz pherto vnde den stegereiff halde, gegort sal er sien mit eynem swerte, vnde eynen schilt
sal er haben an dem halse, so hat er sine krafft vnde macht bewisit, das er geben
moge, weme er wolle, von rechtis wegen", ut ss li. i ar. lii ane erbin orloub23 ver. alle varnde habe24.
Nota. Bewist eyn burger solliche craft, das er gegort komet mit eynem swerte ane mannes
hulffe, vnde /B 76v sich <menlichenp> bewist mit eynem geczogenem swerte, so daz er daz swert selber czihe vnde ynstosze,
so teile<n> wir en mechtig siner wol gewonner habe, sieq sy eigen ader erbe, ab sy vnuorgabit sy, <czu> geben, weme er wolle.
Nota. Bewist der gebuwer sine craft, daz er eynen vmmegang synem phluge geuolgen moge
eyns morgens lang, so hat die gabe craft von rechtis wegen.
Nota. Ghet eyn wip zcu der kirchen ane menstliche hulffe ader wybliche, vnde sy von
der kirchin gesessin sy czwenczig ruten, so mag sy daz ire vorgebin, daz ir nicht
anirstorbin ist, daz sie sich nicht yn vormundeschaft gegeben hat, vnde sy selber
czu dinge komet ane menschliche hulffe, vnde so lange do steit, bis daz man die gabe
bestetiget, so ist sy mechtig, daz ire zcu uorgebin von rechtis wegen.
Jr sollit wissin: Wenne nu daz orteil ynkomet, daz er wol vorgebin moge, so spricht
der vorspreche: "Herre, danckit gote vnde dem rechten, so gibt Seius Gayo hy uff eyn
hus, das gelegen ist an der stat, als er is gehabt hat yn allen reinen vnde rechten,
als er is gehabt hat vnde besessin, vnde bitte uch, herre er richter, das ir der gabe
craft gebt, vnde bestetiget sy, als ir zcu rechte sollit." So spricht der richter:
"Gib er eyn czeichen." So sal Seius eyn czeichen geben, eyne kogele ader eynen hut.
So spricht der vorspreche vort: "Hie vorreicht Seius Gaio sinen hoff, ader daz huz,
ader das eigen, ader daz erbe, das do gelegen ist an der stat, vnde nennet die stat
eigintlichen yn allen reynen vnde rechten, als is an en komen ist; der selbien gabin,
alzo mich orteil vnde recht gelart hat, vnde von mynes ammechtis wegen gebe ich craft
vnde macht, vnde bite die selbie gabe uff zcu eynem mole, zcum and(er)n male, zcum
dritten male, vnde zcum virden male obir recht, vnde /B 77r bitte uch, N., in eynem rechten orteil czu irfaren, wer hie gheinwertig ist vnde
swiget, ab er hirnoch billich swigen solle von rechtis wegen, ader waz recht darumme
sy." So spricht der schepphe: "Sint demmale das die swigen, die do keinwertig sien,
vnde daz orteil horen, vnde die gabe sehen, vnde nicht wedersprechin, vnde nu swigen,
die swigen hirnoch billich."
Nota. <Denr> die gabe schedelich geschit, die keinwertig sien vnde swigen, die swigen dornach
billich, vnde ist den vnschedelichin, die vnkeinwertig sien, <ut> ss li. ii ar. vii welch man25 <ver.s> welche gabe26.
[20 § 2] So gebe der richter Gaio daz czeichen. Daz sal Gayus nemen, vnde sal das vmme sien
houpt strichen, vnde dis ist eyn czeichen der offinbarunge. So bitte Gaius der ynwisunge
von gerichtis halben. So sal der richter uffstehn mit sampt den schepphen, vnde sollen
ghen in daz hus, ader yn den hoff, do man ghenen ynwisen sal; vnde er sal dauor bliben.
So spricht der richter: "Die gabe, die dir geben ist vor gerichte, do wise ich dich yn, als mir orteil vnde recht irteilt hat, vnde besecze daz mit den schepphen vnde mit den dingphlichten." Vnde ghet wider. Vnde der yngewiste besecze dy gabe mit den schepphen vnde mit dem
richtere, vnde gebe den schepphen ire wisse pheninge.
Jr sollit wissin: Daz komit von des volkes saczunge. Wenne do Enoch, Cains son, die
erste stat buwete27, die noch Enoch genant ist, do wartt sollich recht gesaczt: Wer dem and(er)n icht ufflassen wolde, der muste is thun vor
dem hern; vnde do brochte der, deme man das gut uff gab, eynen phening zcu warczeichen,
das is ghenes willen waz, der is vor hatte, ut Institu. de iure naturali gencium et
civili § ius autem gencium28, <et> ff. de iure naturali l. ex hoc jure29. Vnde ist ouch komen vorth an dy Romere nach wich/B 77vbilde rechte, vnde ist den von Meideborg bestetiget.
a–a so L fol. 43ra; fehlt B.b so L fol. 43rb; fehlt B.c am Rand B.d rubriziertes drierley wisz mag eyner synes gutes enig werden am Rand B.e aus eynig korrigiert B.f–f so L fol. 43va; daz andere mag man B.g so L fol. 43vb; fehlt B.h so L fol. 43vb; fehlt B.i so L fol. 44ra; li. B.j so L fol. 44ra; fehlt B.k so L fol. 44ra; hilff B.l so L fol. 44rb; benenente B.m folgendes er unterpunktet B.n -m- aus nn korrigiert B.o davor pert unterpunktet B.p so L fol. 44va; nemlich B.q davor sy durchgestrichen B.r so L fol. 44vb; Wen B.s so L fol. 44vb; wer. B.t davor w durchgestrichen B.
1Vgl. Ssp.-Landrecht II 24 § 2.
4Inst. 3, 23, 1.
7Cod. 8, 14.
8Ssp.-Landrecht I 52 § 1.
9Richtig: Ssp.-Landrecht I 34 § 1.
10Inst. 2, 1, 40.
12Inst. 2, 1, 40.
13Cod. 11, 48, 3.
14Ssp.-Landrecht I 7 letzter Satz.
15Ssp.-Landrecht I 18 § 1.
16Ssp.-Landrecht I 18 § 2.
17Richtig: Inst. 3, 23 pr.
18Inst. 2, 6 pr.
19Ssp.-Landrecht I 60 § 1.
20Ssp.-Landrecht I 60 § 2.
21Ssp.-Landrecht I 62 § 3.
22Ssp.-Landrecht I 62 § 9.
23Ssp.-Landrecht I 52 § 1.
24Ssp.-Landrecht I 52 § 2.
25Richtig: Ssp.-Landrecht II 6 § 1.
26Richtig: Ssp.-Landrecht II 6 § 4.
27Vgl. Gen. 4, 17.
28Inst. 1, 2, 2 vierter Satz.
29Dig. 1, 1, 5.