Das Sächsische Weichbildrecht mit Glosse
‹‹Artikel 18››
Articulus XVIII
<Summarium> Wie man obir den richter clagin sal, der vngerichte nicht richten welde, ader eynen errete an syner clage.
<Textus>
[18 § 1] Nv horet vnde vornemet alle: Ab eyn richter nicht recht richten welde, wen man vor em clagete, ab er /B 69r daz lisze durch lip, ader durch leit, ader durch gabe, ader durch ander ding, ab er selber vngerichte tete, daz er zcu rechte nicht thun solde, durch daz daz er richter were, wenne er durch recht daz recht stercken sal, vnde daz vnrecht krencken, w(er)t er denne beclaget an sines selbist dinge, der schultis sala sien richter sien; vnde do twinget man en zcu mit rechtem orteil, daz er vor en antwerten mus, alz ich uch nu bescheide. Er heist den voit ufstehn mit orteiln, vnde eynen andern richter an syne stat seczen, der em richte. Daz sal er thun; vnde secze den schultis, der sal em richten obir den voit. Czu glicher wise alzo richtit der voit obir den schultheiszin. Darumme zo mag der voit keine echte ding bescheiden ane den schultheiszin, wenne er sich von em erbieten sal, ab en yma<n>t vor em beclagete.
[18 § 2] Weig(er)t er sich des mit vnrechte iar vnde tag, so ist dem landesherren daz gerichte ledig, vnde dem koninge /B 69v der ban, vnde em geuolget w(er)t mit rechten orteiln, alzo recht istb.
Glosa
[18 § 1] Als wir begunst habin von des richters errunge zcu seczen, so sollen wir en wenig vorbaz mehr von dem richtere sprechen, vnde von der wise, wy sich eyn richter halden sal yn sinem gerichte. Wenne worumme is heist kein man eyn richter, wenne alleine in gehegeter bang. Wenne er aber sien gerichte vffgibt, vnde vz der gehegeter bang komet, so ist er als eyn ander slecht man; denne daz <erc> den namen hat, daz er eyn richter genant ist, der ist em von des ammechtis wegin gegeben; wenne eyn iczlich ammecht, daz zcu dem gemeynen nucze gehorit, komet von dem Romisschin riche. Vnde eyn richter hat eigintlichen dry namen in dem Latin. Jn den drierley namen sien drierley synne.
Er heist zcum ersten pretor; <pretord> bedewt eynen, der von des richis wegin sunderlichen vor andere lute daz volg twingen sal, daz is erlichen lebe, andern luten nicht schade, vnde hat zcu gebietene von des riches wegen, daz ist von des ammechtis <wegine>, daz man eynem ydirmanne daz sine lasze, ut Instituta de iusticia et iure § iuris precepta1. Wenne disse drie stucke sien des naturlichen rechtis gebot. Nu weren ouch die gebot vmmesust, weren dy nicht darczu gesaczt, die daz volg darczu twingen, daz man daz recht hilde, ut ff. de officio pretoris l. i2. Wenne eynf iczlicher pretor ist darczu gesaczt czum ersten, daz er daz volg darczu twunge, nach deme daz is gebrochen hat, vnde getan hat weder daz gerichtis gebot, weng is waz eczwan, daz der richter selbir pynigete, ut xxiii q. v <c.> de occidendis hominibus3.
Ouch heist er eyn prefectus, ut ff. de officio <prefectih> in principio4. Vnde prefectus ist genant <eyni burg(er)meisteri>; wenne des riches vnde der Romere geboth gesaczt wart, /B 70r daz er tete dem gemeinen nucze zcu gute vnde zcu fromen, daz er des mechtig were zcu thune von sines ammechtis wegen, vnde gebot zcu seczin mit der wiczigisten rate, <ut> ss li. ii ar. lx waz der burgermeister tut5. Vnde daz recht gibet dem selbien synen namen von des ammechtis wegen, wenne sine gebot regiren der gemeyne nucz, vnde beschermen dy vor zcukunftigen schaden vorderlichin; wen(ne) manicher vorswege sinen eigen schaden, lisse man en, ut Institu. qui sui vel alieni sunt iuris l. expedit ut rei publice6.
Wen disz ist sien ammecht, vnde darum<m>e so hat er ouch den namen iudex. Daz ist der dritte name, vnde ist der gemeinste name, vnde beslust die vorgnan(ten) czwey; wenne em ist in dem rechten disser name gegeben. Die vordirsten beide namen hat er durch des gemeinen nuczes willen. Vnde dis mag der richter nicht vzgefordern, er thu is denne mit rechten orteiln; vnde heiszit ,iudex‘ quasi ,ius dictans‘, vnde ist alzo uil alzo ,rechtvinder‘; daz ist nach vnserm rechte nach der schepphen rate, vnde ist genant richter. Wenne daz wort ,iudex‘, daz komet von eynem worte, das heiszit ,iustus‘, wen eyn richter selber gerecht sien sal. Wen(ne) wer eynes and(er)n missetat richten sal, der sal selber ane missetat sien. Vnde heiszit darumme richter, das er allen luten eyn glich richter sal sien, ut ss li. iii ar. xxix7.
Jrj sollit wissin, daz der richter sal sien gerichte durch keinerley sache willen, vnde sunderlich durch vierk sachin wille, als durch vorchte, durch gyczigkeit, durch hasses, ader durch nydes, ader durch libe, adir durch gabe willen, vorkeren.
Czum ersten male durch vorchte wille, alz ab sich der richter vorchtit zcu richten, so daz er gedechte: Rich<t>stu, so forch<t>istu, daz der, obir den du richtest, ader sine frunde, mogen dich hindern, ader dir schaden mit irer gewalt, wenne er vnde syne frunde sien zo mechtig vnde gewaldig, vnde mogin dir schaden an dem lehene, ader an dem ammechte, /B 70v vnde an dem gerichte. Nu sehit zcu: Solliche forchte blendet den richter, daz er nicht richten thar.
Czum andern male zo vorkeret eyn man sien gerichte, ader der richter, durch gyczigkeit wille, also daz er hofft: Richtistu gerinclichin, vnde bewist dich fruntlichin an dinem gerichte kegin dem manne, vnde vortumist ghenen, so w(er)t dir von deme vortumpten die ware, vnde daz guth wirt deme. Vnde daz vorbewt das recht, ut ss li. ii ar. xxv wirt aber eyn man beclaget8 ver. <czul hantl>9. Vnde hot er ouch sunderlichin mit dem widersachen betedinget gelt, vnde so richtit er durch gyczigkeit wille, vnde nicht durch des rechten wille, ut i q. i <c.> cum omnis avaricia10.
Czum dritten male so vorkeret eyn richter sien gerichte durch hasses vnde durch nydes wille, alz: Eyner were myn vynt, vnde horte, daz man uff mich clagete; er horte sine clage liber, denne myne antw(er)t; vnde machte mich lichtiglicher busfellig, wenne mynen wedirsachen, der lichte ehr voruil, wen ich, dorvmme daz er lichte mich in sinen hasz gefast hot, vnde lichte myn vynt ist. Vndem <son> vorkeret der richter sien gerichte durch nydes wille, ut iii q. v <c.> accusatores11, <et> iiii q. iiii <c.> nullus unquam12.
Czum virdin male durch libe, alzo durch mageschaft, ut xi q. iii <c.> quatuor modis13. Vnde wer denne gotis gerichte vorkeret durch der vorgnan(ten) sache willen, der vorwandilt gotis gerichte em selber zcu eynem ewigen vorthumenisz, ut xi q. iii <c.> quicumque aut consangwinitate aut amicicia14. Vnde dorumme rurit er hie disse sachen in dem texte ss li. i in prologo15. Wenne disz ist des richters ammecht, daz er recht stercken sal vnde vnrecht krencken, ut xxiii q. vi <c.> regum16, <et> ss li. iii ar. xlix17.
Nota. W(er)t er zcu sines selbist dinge et cetera. Nuo wil er vns hie vnderwisen, wy man den voit, ader den schultheissen, adir eynen iczlichen richter vmme solliche sache beclagin /B 71r sal, ab er sien gerichte vorkerte durch sollicher sache willen, alz vor geschrebin steht, vnde spricht: Er solle den richter heissin vfstehen; daz ist, er solle sprechen: "Widir uch, er richter, habe ich czu tedingen. Jch bitte, daz ir mir eynen richter gebit, der an der stat eyn richter wider uch sy, vnde bitte yn eynem rechten orteil zcu irfaren, ab ir mir icht den sollit zcu rechte geben, vnde mir gestehen zcu rechter antwert von rechtis wegen, ader was darumme recht sy." Weigert sich des <derp> richter, eynen schepphen zcu vragen, vnde wil sich nicht zcu dem rechten biten, zo besecze er is mit den schepphen vnde mit de(m) fronboten, sint is in gehegetem dinge ist, <ut> ss li. ii ar. xxii waz eyn man ghein dem gerichte18. Stet er abir vff, vnde seczit eynen andern an sine stat, vnde spricht zcu deme: "Jch beuele uch myne gewalt, zcu richten, die wile ich in dem gerichte nicht gesien mag." Vnde sal antwerten zcu des clegirs clage.
[18 § 2] Weg(er)t er abir daz zcu thune, so besecze is der cleger, alz vor gesprochen ist. Das thu der cleg(er) zcum and(er)n dinge abir also, vnde besecze is, alzo vor gesprochin ist; vnde zcum dritten dingeq kome der cleg(er) vor den burcgrauen, vnde bestelle sine clage, also vor gesprochen ist. Vnde wenne ma<n> em zcu der antwert gebewt, vmme daz daz er nicht zcu gerichte stehn wolle, noch ouch rechtis phlegen; vnde buͤt sich den(ne) der voit nicht zcu der antwert, vnde wil ouch nicht zcu gerichte stehn, <sor> taget man em zcu deme and(er)n dinge; komet er denne nicht, so taget man em zcum dritten dinge. Vnde komet er dennoch nicht, so teilt man em helffrede zcum nehisten dinge. Brenget er der nicht, so spreche der cleg(er) zcu dem burcgrauen: "Herre er richter, nach dem male daz ich myne clage vor uch vnde vor uw(er)n gnaden also vor eynem rechten vnde gnedigen richtere /B 71v geclaget habe obir den N. voit, der eyn voit ist, vnde eyn recht richter sien solde, vnde nicht gewest ist, als er mir rechtis geweg(er)t hot, des ich mich czihe an die schepphen vnde an den vroneboten an des richters stat, vnde er mir nach deme rechten nicht gestanden hot zcu myner clage, eyn ding, das andere, vnde daz dritte, vnde zcu der helffrede nicht gestandin hat, noch ouch noch gesteht, bitte ich in eynem rechten orteil czu irfaren, waz er nu kein mir vorfallen sy?" So vint man em zcu rechte: "Des vngerichtis." So spricht der burcgraue: "Nach demmale daz er dem cleg(er)e eyn vngerichte entstanden ist, vrage ich uch, N., waz er nu kegin mir, vnde kegin dem gotishuse, vnde kegen mynen herren, dem koninge, vorfallen sy?" So vint man: Alzo vfte, alz er nicht gestanden ist, alz manich gewette ist er dem burcgrauen vorfallen, vnde iczlich gewette mit czen phundin zcu bessern; vnde vmme daz vngerichte hat er daz gerichte vnde die voitie kegen dem hern vorloren, vnde kegen dem koninge den bans.
a mit Einfügungszeichen rubriziert am Rand B.b et cetera folgt B.c so L fol. 41ra; fehlt B.d so L fol. 41ra; fehlt B.e so L fol. 41ra; fehlt B.f darüber überflüssiges er-Kürzungszeichen B.g folgendes w unterpunktet B.h prefati B.i–i so L fol. 41ra; fehlt B.j rubriziertes Der richter sal sien gerichte nicht lassen am Rand B.k ursprünglich stand vierley, -ley unterpunktet B.l–l so L fol. 41va; vnde hoft B.m folgendes sy durchgestrichen B.n so L fol. 41va; fehlt B.o rubriziertes wy man widir den richter clagen sal vor gerichte et cetera am Rand B.p so L fol. 41vb; fehlt B.q davor male unterpunktet B.r so L fol. 41vb; fehlt B.s et cetera folgt B.
1Inst. 1, 1, 3.
2Dig. 1, 14, 1.
3C. 23 q. 5 c. 8.
4Dig. 1, 12, 1?
5Richtig: Ssp.-Landrecht II 55.
6Inst. 1, 8, 2 vierter Satz am Ende (richtig: expedit enim rei publicae).
7Richtig: Ssp.-Landrecht III 30 § 2.
8Ssp.-Landrecht II 25 § 1.
9Ssp.-Landrecht II 25 § 1 letzter Satz.
10C. 1 q. 1 c. 20.
11C. 3 q. 5 c. 2 oder 8 oder 12.
12C. 4 q. 4 c. 1.
13C. 11 q. 3 c. 78.
14C. 11 q. 3 c. 79.
15Ssp.-Landrecht, Prologus.
16Richtig: C. 23 q. 5 c. 23.
17Richtig: Glosse zu Ssp.-Landrecht III 49 (III 56 § 1) (BG S. 1287 Z. 4).
18Ssp.-Landrecht II 22 § 1.