Artikel 89
Articulus LXXXIXa
<Textus>
[89 (88)] Ab eyn man tot geslagen w(er)t, vnde hat er drie kint ader mehir, w(er)t er darumme
beclaget, vnde w(er)t vmme dy clage eyne gewere getan, vnde entgeet er des, alzo recht
ist, er darff von den andern kindern keine nodt darumme liden.
Glosa
Also vor gesprochen ist von vndirscheit der wunden, alz von offin wunden, fleischwunden
vnde kamphbar wunden1, vnde offte lute douon sterben vnde vorlamen, <ut> ss li. i ar. lxviii sleit eyn man den andern2 ver. ane fleischwunden3.
[87 (86) § 1] Darumme4 wil er nu hie sagen von sollichem gerichte. Vnde disse sache ist eyn glichenisze
eyner clagen, die gemenget ist. Daz ist zcu uornemen, daz sy widir pynlich noch burglich
ist. Vnde wurde sy pynlich <angesacztc>, sy mag <burglichd werdin; vnd wuͤrd sie burglich <angesaczt>, sie magd> pynlich werden. Vnde die heist in keiserrechte eyne clage des vngerichtis, ut ff.
de iniuriis et famosis libellis l. iniuria5. Vnde heisit ,vngerichte‘ alles, das wedir recht ist, vnde ist eigintlich eyne smaheit
genant, ut ff. de iniuriis et famosis libellis l. iniuria6, <et> Institu. e. t. l. generaliter7. Disse smaheit ist vndirwilen smelike vnde schedelik, vnde vnd(ir)wilene smelich vnde pynlich, vnde ist ouch vndirwilen smelich alleine.
Smelich8 vnde schedelich ist, alzo ab man eynen mante vnde phente /B 180v als eynen schuldiger, vnde doch nicht schuldig were, ut Instituta de iniuriis § iniuria9. Smelich vnde pynlich ist, alz ab man eynen sluge vnde czege vngerichtis. So ist
ouch eyns smelich alleine, alzo man eynen missehandilte mit worten alleine.
Nu vornemet, wyf die sache pynlich ist. Wen waz smelich vnde schedelich ist, das ist ouch pynlich.
Vnde das ist, das hie der text rurt, do er spricht: Wirt eyn man mit knuttiln geslagen, das ist io smelich vnde schedelich sinem libe, vnde darumme ist sy pynlich, <ut>
ss li. iii ar. xxxvi wer den andern10.
Vnde dis liet an dem clegere, wy er dy clage anstellen wil, pynlich ader burglichen,
nach der schepphen bekentnisse. Wenne alzo die schepphen eynen besehen, vnde der cleger
dornach clagen sal, so sprechen sy: "Wir haben gesehen eynen stich, ader eyne wunde,
ader eynen steinworff, ader eyne bewle, die nicht wol mynner gesien mag, sy were kamphbare,
die er vord(er)n mag hoch adir nedir", <ut> Institu. de iniuriis § in summa sciendum11.
Jr12 sollit wissin: Disse smaheit ist vndirwilen grosser durch der personen wille, vnde
durch der stat wille; alz <uffg> dem houpte ader vndir den ougen. Das andirswo eyne blutrunst were, das ist an dem
houpte <vndh> vnder den ougen eyne kamphbar wunde. Vnde spreiche an den personen, wenne daz an
eynem and(er)n blutrunste were, das w(er)t nach der personen erbarkeit kamphbar, alz
das kint an syme vatere, ader der knecht an syme herren, ader der burg(er) an syne(m)
burgirmeistere. Ouchi w(er)t sy pynlich durch der stat wille, alz ab is uff eyner friheit gescheige, ader
yn der kirchin, ader uff dem kirchhoffe, ut Institu. de iniurijs <§j> atrox13.
Vnde14 solliche clage hat drie sunderliche stucke. Czum ersten male: Gescheige an eynem
wibe sulche /B 181r smaheit, das mag clagen ir vater, ich vnde sy selbir, wen(ne) worummek man irbewt die smaheit nicht alleine ir, sunder orem vatere vnde irem manne, <ut>
Institu. de iniurijs § pater15, <et> ff. e. t. l. sponsum16. Mine smaheit, die mir geschit, mag myn wip ader myne kindere nicht clagen, <ut>
Institu. e. t. § contra autem17, <et> ff. e. ti. <l.l> quod si vero18.
Jr sollet wissen: Alle clagen, die do komen in gehegetem dinge, das sien vmme wunden
ader vmme lemden ad(er) vmme slege, do mag kein man tag vmme geben, is sy denne des
richters wille. Jst is des richters wille nicht, zo ist er vellig an der clage, vnde
so mus er von nuwens clagen, er moge is denne vorczugen mit czwen mannen, vnde er
der dritte, das em der richter tag gegebin habe.
Secundo. Beclaget eyn man den andern vmme totslag, vnde dy wunden an dem tode<n> nicht
bewist hat, alz recht ist, vnde der antwerter bote sine vnschult dornach, nach des
clegers wise, mit sollichen worten, alzo recht ist, vnde w(er)t dem antwertere irteilt,
das er billichir vnde nehir mit sines selbist hant zcu entgehn sy, sint die clage
slechtlich <angestelletm> ist ane gerufte, vnde wirt em broch an dem eyde, vnde wirt er vellig, er ist deme
clegere des toden wergelt voruallen, vnde dem richtere sien gewette.
Tercio. Gescheige ouch eyn totslag, vnde wurde eyn man beclaget vmme volleist, wirt
em broch an syme eyde, er sal vorbussen deme clegere mit eynem wergelde, vnde dem
richtere sien gewette. Gestunde er abir nicht zcu rechten tedingen, der cleg(er) ersteit
nicht mehir uff en, denne sien wergelt; man mag abir en darumme nicht vo<r>uesten.
Wurde ouch eyn man uff den koph gehauwen, ader gestochen czwisschin dem hirnschedil
vnde der swarten, vnde ist dy wunde geswollen; vnde hette dy wunde dy tyffe, sy ist
kamphbar, vnde trifft an das hochste /B 181v recht.
Jr sollet wissin: Wurden eynem manne in eyner tat mehir wunden gehauwen ader gestochin,
wenne eyne von eynem manne, den man mag man nicht sunderlichen vmme iczliche wunde
beschuldigen, sunder er mag dy wunden alle vortreten selbsobinde uff den heiligen,
ab er thar.
Nota. Voruile eyn antwerter an sinem rechte vmme helffrede, vnde om ouch holunge an
dem tode<n> geteilt were, er ist yn der sachen vorwunden, vnde mag dar nicht mehir
<vnschuldign> werden.
Nota. Gescheige eyn totslag, vnde die clage vor gerichte begriffen wurde, wurde do
eyne sune vnder getedinget, vnde wurde bericht czwisschen den sachwaldigen, do hat
der richter sien gewette an, vnde keins der herschaft.
Nota. Wurde eyne frauwe am totslage begriffen in hanthaftiger tat, ader an kamphbar
wunden, der cleg(er) ist mit sinen schreileuten selbsobinde nehir, sy zcu obirghen,
wenne <sieo> vnschuldig werden moge. Vnde so mus dy frauwe das recht lyden.
Nota. Beschuldiget manp eyne erbare frauwe vmme totslag, ad(ir) vmme wunden, die des selbien tagis bewist
sien, vnde w(er)t die selbie frauwe vorborget vff recht, des ist dy frauwe nehir zcu
entgende selbsobinde mit erhaften luten, denne man sy keinerhande not darumme angelegen
mag. Spricht man abir eyne frouwe vmme vornachte clage an, des ist dy frauwe nehir
zcu entghen mit irer eigen hant uff den heiligen, wenne sy <ymantq> obirwinden moge.
Jr sollit ouch wissin: Wo man eynem manne eyde gelabit vmme obilhandelunge, als vmme
rouffen, ader vmme slege, adir deme glich, des mag der cleg(er) nicht vorgeben ane
des richters willer.
a rubriziertes et cetera folgt B.b rubriziertes et cetera folgt B.c so L fol. 101vb; angeschatczt B.d–d so L fol. 102ra; fehlt B.e–e mit Verweiszeichen auf dem unteren Rand B.f mit Einfügungszeichen über der Zeile B.g so L fol. 102rb; vz B.h so L fol. 102rb; fehlt B.i -uc- ligiert B.j so L fol. 102rb; l. B.k wenne worumme folgt B.l so L fol. 102rb; fehlt B.m so L fol. 102va; angeuellet B.n so L fol. 102va; schuldig B.o so L fol. 102vb; fehlt B.p doppelt B.q so L fol. 102vb; fehlt B.r et cetera folgt B.