Das Sächsische Weichbildrecht mit Glosse
‹‹Artikel 81››
Ar. LXXXI
<Summarium> Ab sich czwene man beydea glich wunten.
<Textus>
[81 (80)] Wvnden sich czwene manne in wichbilde vndir enander glich, vnde komen beide vor gerichte, vnde clagen gliche swerlich, der die erste clage beczeugen mag, der gewynt dem andern kamph an, ab dy wunden beyde wol kamphbar sien, vnde ab er en alzo, alz recht ist, angesprochen hatb.
Glosac
Dis ist den Sachzin sunderlichen gegeben zcu gnade durch irer grosser manheit wille, wenne sy kunden vnde wusten wol zcu <strytend>. Vnde von dissim strite vint man ff. de iniuriis l. iii1. Vnde uicht er, das er sege, das ist, ab er den kamph gewynnet.
[79 (78) § 1] Jst dy wunde kamphbar, er wettit sine hant. Jr sollit wissen: Wunden, dy sien vnderscheiden: Fleischwunden, offene wunden, vnde kamphbare wunden.
Primo. Eyne fleischwunde ist, die gehauwen ader gestochin <iste> an vnerbern steten, do sichz zcu keiner wunden geczihn mag. Vnde ist darumme eyn fleischwunde genant, /B 176v das nicht mehir wenne das fleisch vorwunt ist.
Secundo. Offene wunden ist abir zcu uornemen an sollichin steten, do sy nicht mortlich noch lemlich ist, vnde wyte hat vnde nicht die tyffe, vnde doch wyt czannet. Dy fleischwunde hat die tyffe vnde nicht die wyte.
Tercio. Eyn kamphbar wunde ist, die die lenge vnd dy tieffe hat, vnde heist kamphbar darumme, daz sy offinbar irkentlich ist, daz sy nicht mynner mag gesien, sunder das sy kamphwertig ist. Vnde das ist darumme: Vormals, alz man vint in dem rechte, das der czwelff taffiln recht genant ist, dorynne stehit: Wer dem and(er)n eyn ouge ader eyn ander glid vorserete, der muste von gheme wider yn sollichir ebentewre stehn, ader muste en stichz ader hauwz geweren2, ut Institu. de iniuriis § pena autem3. Alzo hatten die Romere das recht, alz is en von Atthenis gesand wart. Wenne hette eyner eynen gestochen, er muste em eynen stich weder steen, vnde sunderlich die kamphbar weren. Werens abir blutrunstige wunden, zo muste er is mit gelde bess(er)n. Das wart genant eyn kamph, darumme das eyner den andern stichz geweren muste, vnde alz der erste in ebenteuer sines libes stehn muste in ghenes czorne, alzo muste der andere weder stehn in sollicher ebentuere. Dis qwam an dy Romere mit der wise, also vor gesprochen ist; vnde mit derselben wise ist ouch disz recht an die Sachzin komen. Do daz recht an die Sachzen qwam, do vorliszin sy sich uff yre manheit, vnde wilkorten en daz recht: Wer dem and(er)n eyne wundef in synem bozem vorsatcze tete, adir sluge en zcu tode, vnde <derg> cleger sine smercze mit richter vnde mit schepphen beleite, dy musten dy wunden vorsuchen, ader sunderlich irer gesworner arczt nach sinem eyde. Alz denne das bekentinisze uff kamph qwam, /B 177r so solde er sich des kemphen weren.
[79 (78) § 2] Jr sollet wissin: Wurde eyner beclaget vmme eyne volleist an totslage ader an wunden, er mus der volleist entghen selbsobinde, ab is gevordert ist; das ist mit gerufte.
Des sollit ir wissin: Do die Sachzen bekart wurden zcu dem heiligen cristen glouben, vnde des vndirwist wurden, daz kemphen sunde were, do wurden sy zcu rate, vnde wilkorten daz recht: Wer zo vorwunt wurde, vnde qweme vor gerichte mit dem fredebrechere mit gerufte, vnde brechte en gebunden, vnde irbote sinen geczug uff en mit synen schreyluten selbsobinde, der cleger gewint sinem antwertere syne hant an. Kommit er abir vor vngevangen vnde vngebunden, vnde bote er sine vnschult selbsobinde zcu bewisen, jn der bewysunge mus er der erste sien. Vorfellet er, er ist des rechten entstanden; ist dis vmme eyne wunde, so ist is die hant nach dem hochsten rechte; vnde ist is vmme daz houpt, so ist is vmme den halz, <ut> ss li. ii ar. xvi die gewere4 ver. wer den and(er)n5, <et> ff. ad legem Iuliam de vi publica l. qui dolo6. Syne helffere aber, voruallen dy, die werden loz mit der busze, vnde deme richtere mit dem gewette. Vnde mus andere geczeuge furen zcu dem andern dinge; volfure er nicht, man bescheit em zcu dem dritten dinge; er mus vor sine helffere das gesatczte rechte wergelt lyden. Jst abir dis vmme eyne volleist, so sal er entghen mit sinen geczeugen, alz recht ist, das ist selbsobinde, ab er kemphlich beclaget w(er)t. Jst er abir nicht kemphlich angesprochen, zo entghet er is mit sines selbist hant; vnde w(er)t em broch an sinem eyde, er ist dem clegere entstanden drissig schillinge, vnde deme richtere eyne gewette, <ut> ss li. iii ar. lv gebewt7, <et> e. li. ar. xliiii nu vornemet8 ver. ult.h 9
a davor g B.b et cetera folgt B.c rubriziertes et cetera folgt B.d so L fol. 99vb; stritte B.e so L fol. 99vb; fehlt B.f ursprünglich stand wunden, -n über- und unterpunktet B.g so L fol. 100ra; der (?) mit Einfügungszeichen über der Zeile (aber nicht mehr lesbar wegen eines Loches im Papier) B.h et cetera folgt B.
1Dig. 47, 10, 3.
2Leges XII tabularum, tabula 8, 2.
3Inst. 4, 4, 7.
4Ssp.-Landrecht II 16 § 1.
5Ssp.-Landrecht II 16 § 2.
6Dig. 48, 6, 10.
7Richtig: Ssp.-Landrecht III 64 § 1.
8Richtig: Ssp.-Landrecht III 45 § 1.
9Richtig: Ssp.-Landrecht III 46 § 2.